Dienstag, 20. Mai 2014

Was man darf, und was man nicht darf


Christopher Gaffney lebt seit fünf Jahren als Gastprofessor in Rio de Janeiro. Eigentlich stammt er aus den USA. An der Universität Fluminense gibt derzeit er Seminare zur Stadtentwicklung und erforscht die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Fußballweltmeisterschaft 2014. Das ist toll. Wirklich!

Gaffney wurde im SPIEGEL (20/2014) beschrieben. Weil Gaffney sich nicht nur wissenschaftlich betätigt, sondern ebenfalls gegen die Verschwendung, Korruption und soziale Schieflage in Brasilien protestiert, kreiden ihm Jens Glüsing und Maik Großekathöfer mangelnde Objektivität an.

Jedoch vermögen die zwei Journalisten nicht, zwischen Wissenschaftler und Privatperson zu differenzieren. Gaffney kann selbstverständlich wissenschaftlich sauber arbeiten und darf natürlich in seiner Freizeit über seine wissenschaftlichen Erkenntnisse politisch hinaus aktiv werden. Das ist sogar sehr lobenswert.

Stellen Sie sich doch bitte einmal folgende vergleichbare Situation vor: Sie sind Ingenieur bei Porsche und dürften niemals einen Porsche erwerben. Wo kämen wir denn hin?

Und muss man als Historiker mit Schwerpunkt auf die Nazi-Geschichte nicht zwangsläufig zum Urteil kommen, dass das Nazi-Regime eindeutig ein verbrecherisches war? Laut Glüsing und Großekathöfer muss das nicht unbedingt der Fall sein. Ein Beleg für diese Haltung findet sich in der gleichen SPIEGEL-Ausgabe.

Agilolf Keßelring ist ebenfalls Wissenschaftler. Er ist Historiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der „Unabhängigen Historikerkommission (UHK) zur Erforschung der Geschichte des BND, seiner Vorläuferorganisationen sowie seines Personal- und Wirkungsprofils von 1945 bis 1968 und des Umgangs mit dieser Vergangenheit“ an der Philipps-Universität Marburg im Fachbereich Geschichte. Außerdem ist er der Enkel von Albert Keßelring, einem Generalfeldmarschall während des Zweiten Weltkriegs. Keßelring junior hat aktuell ein Buch namens „Die Organisation Gehlen und die Verteidigung Westdeutschlands. Alte Elitedivisionen und neue Militärstrukturen 1949-53“ veröffentlicht. Darin befasst er sich mit Albert Schnez, der in den frühen Nachkriegsjahren in den westlichen Besatzungszonen und der späteren Bundesrepublik eine Geheimarmee aufbaute. Schnez wurde später Heeresinspekteur der jungen Bundeswehr. Allerdings war er vorher Oberst in der Wehrmacht und damals Opa Keßelring direkt unterstellt. Na ja.

Wie Glüsing und Großekathöfer bestreitet Klaus Wiegrefe die Objektivität von Agilolf Keßelring, indem er Keßelring ein gnädiges Urteil über Schnez nachsagt. Das mag sicherlich stimmen.

So ist die Wissenschaft. Das geht sogar so weit, dass Aufrufe zur Anti-Nazi-Demo nicht über universitäre Kanäle laufen dürfen, wie es in Münster der Fall ist. Stattdessen darf man aber am Aushang den Hinweis auf den Verkauf von Büchern veröffentlichen.

Als Akademiker gehört man schließlich der Elite an und gibt sich mit dem Pöbel sowie den Niederungen der Politik ab. Marie Antoinette sagte einmal: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“ Marie Antoinette hat den Knall der Revolution von 1789 nicht gehört. Hoffentlich dafür aber Glüsing, Großekathöfer und Keßelring jr.

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